• Amon Thein

Warum wir Sinn über Profit stellen

Aktualisiert: Jan 28

Schwarzseher ist die erste Filmproduktion weltweit, die neben der Steuerbilanz auch eine »Gemeinwohlbilanz« erstellt hat. Für uns ist das Wohl Aller jetzt auch offiziell das wichtigste Ziel unseres Wirtschaftens. Zeit für ein erstes Zwischenfazit: Wie funktioniert das eigentlich und was bedeutet das konkret für unseren Unternehmensalltag?

The Climate Ist Changin, Why Arent't We?
Gute Frage, oder? Die stellten wir uns auch.

Letztens hat mich wieder jemand gefragt: „Amon, Ihr als Werbefilmer, nehmt ihr eigentlich alle Aufträge an?“ Puh. Super Frage. Wichtige Frage. Genau die richtige Frage. Weil: wenn es nur um Profit ginge, müsste meine Antwort natürlich „Ja!“ lauten. Sie lautet aber „Nein“ — und das schon seit der Gründung vor 13 Jahren. Die Gründe für dieses kategorische „Nein“ haben eine ganze Menge mit den Überzeugungen gemein, die hinter der Gemeinwohl-Ökonomie stehen — auch wenn wir und auch ich selbst als Gründer von Schwarzseher dieses nachhaltige Bilanzierungs-Prinzip damals noch gar nicht kannten.


Seit Januar sind wir die erste Gemeinwohl-Filmproduktion der Welt. Und auch das erste Gemeinwohlbilanzierte Unternehmen in unserer Heimatstadt Oldenburg. Das sperrige Wort »Gemeinwohlökonomie« geht uns noch etwas schwer über die Lippen, aber es scheint uns dennoch irgendwie einfacher und verständlicher als »Nachhaltigkeitsbericht« oder »Corporate Social Responsibility«. Zumal diese weit verbreiteten Instrumente auch ein intransparentes Feigenblatt sein können, wenn man auf große Unternehmen schaut. Ganz anders aber unsere Erfahrung mit unserer ersten Gemeinwohl-Bilanz. Davon wollen wir im Folgenden kurz berichten. Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir (natürlich!) auch Videos dazu veröffentlichen und von den konkreten Erfahrungen berichten.

Gemeiwohlbilanz Schwarzseher GmbH
Unser offizielles Zertifikat für die Gemeinwohl-Bilanzierung

Ein gutes Leben für alle


Bevor wir aber zu unseren konkreten Erfahrungen kommen, ein sicherlich hilfreicher Deep-Dive in das Prinzip der Gemeinwohl-Ökonomie. Die Bewegung der GWÖ bezeichnet es selbst als ein Wirtschaftsmodell, in dem »das gute Leben für alle« die oberste Priorität hat. Was vielleicht erstmal nach einer leeren Hülse klingt, wird mit konkreten Handlungszielen unterfüttert. Das Modell orientiert sich an global anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Suffizienz und unter anderem an den 17 UN-Entwicklungszielen. Kern ist die Vision, dass alle Unternehmen nachhaltig und sozial wirtschaften. Die Unternehmen evaluieren ihre IST-Situation in den Bereichen »Menschenwürde«, »Solidarität und Gerechtigkeit«, »Ökologische Nachhaltigkeit« und »Transparenz und Mitentscheidung«. Das kann das Unternehmen allein, von einem GWÖ-Berater begleitet oder mit anderen Unternehmen zusammen machen (so wir wir). Das Ergebnis ist dann eine öffentlich publizierte Gemeinwohl-Bilanz, die alle zwei Jahre auf den aktuellen Stand gebracht wird. Unsere wird gerade aufbereitet und im Februar auf unserer Webseite veröffentlicht.


„Das Geld ist zum Selbst-Zweck geworden, statt ein Mittel zu sein für das, was wirklich zählt: ein gutes Leben für alle." (Christian Felber, Mitinitiator der GWÖ)


Uns hat ein Interview-Video mit Christian Felber sehr inspiriert, in dem er herunterbricht, was die GWÖ ist und woran sie sich orientiert. Nach unserem Kenntnisstand ist die GWÖ aktuell auch die kompletteste Methode für das, was wir einen »One-Planet-Lifestyle« nennen, also einen Lebenstil, der sich an den real vorhandenen Ressourcen des Planeten ausrichtet. Mittlerweile wird das Prinzip auch von Privatpersonen, Gemeinden und Institutionen umgesetzt. In Deutschland haben über 700 Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Man kann sich die GWÖ-Bilanz im Grunde wie ein Tool vorstellen, mit dem man das unternehmerische Handeln am Ziel des Gemeinwohls ausrichten kann. Um die Bewertung von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit zu ermöglichen, wurde dafür ein Punktesystem entwickelt, das bei -3600 (sehr schädlich!) beginnt und bei maximal +1000 Punkte (sehr nachhaltig!) endet. Zur Einordnung: Wer »einfach nur« nach geltendem Recht und geltenden Vorschriften arbeitet, erreicht meist nicht mehr als 0 Punkte.


Gemeinwohl Bilanz Matrix
Die Matrix, nach der die Bilanz berechnet wird

Uns hat die Idee sofort begeistert, weil wir viele Themen wiedergefunden haben, zu denen wir uns schon lange Austausch mit Anderen gewünscht haben. Da es in unserer Heimatstadt Oldenburg aber leider noch kein Gemeinwohl-Unternehmen gab, haben wir uns dann im letzten Jahr in Berlin umgesehen. Von April bis in den späten Sommer heinein haben wir in einer »Peer-Review« unsere erste GWÖ-Bilanz ausgearbeitet. Zusammen haben wir die IST-Situation der jeweiligen Unternehmen betrachtet. Zum Beispiel: Von wem lassen wir uns beliefern? Wem gehört das eigene Unternehmen? Wie ernst nehmen unserer Lieferanten Themen wie Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit und Solidarität? Spoiler: Amazon ist raus. Das ist durchaus auch mal anstrengend und emotional, denn in diesen Sessions bewertet man sich und seinen Stand selbst — und wird zugleich auch von außen eingeordnet.


Viel Erfolg ist, wenn viele was davon haben


Insgesamt haben wir knappe 5 Arbeitstage in die Workshops investiert und nochmal knapp 70 Stunden in die Fließtext-Beantwortung der Bilanz-Fragen und die Aufarbeitung unserer eigenen Umwelteinflüsse in quantitative Zahlen. Wer also gerade über eine GWÖ-Bilanz für sein Unternehmen nachdenkt, kann sich hier schon mal notieren: »ca. 150 Stunden blocken«. Die Investition dieser Stunden ist es für uns allerdings absolut wert gewesen. Der konkrete Austausch zu den einzelnen Themenfeldern mit den beiden beteiligten Unternehmer:innen Thomas von Smile Büro und Oliver von Tetrateam hat uns neue Blickwinkel eröffnet, denn natürlich kann man dieselben Herausforderungen auch komplett anders lösen. Sehr inspirierend!


Das Inspirierende an der Gemeinwohlbilanz ist für uns dies: sie stellt einem unablässig wichtige Fragen. Fragen, die einem im Arbeitskontext sonst kaum gestellt werden. Zum Beispiel: warum wir als Unternehmen eigentlich existieren: Was wollen wir ganz genau zur Gemeinschaft beitragen? Dann auch, von wem wir uns Produkte herstellen lassen. Wie es um die Arbeitsbedingungen unserer Partner:innen-Unternehmen bestellt ist. Oder auch, wie wir uns als Kolleg:innen behandeln: Wer darf bei uns was bestimmen? Wie lösen wir Konflikte? Und natürlich eine Frage, die uns alle angesichts der dramatischen Klima-Lage mit höchster Priorität beschäftigen sollte: »Wie tragen wir konkret dazu bei, die Ressourcen unseres Planeten zu schützen?«


Antworten auf ungestellte Fragen


Es kommt nicht von ungefähr, dass noch kein einiziges Unternehmen an der 1000-Punktemarke kratzen konnte. Während des Prozesses wurde uns schmerzhaft klar: unsere Wirtschaft ist noch weit entfernt davon, den GWÖ-Zielen gerecht zu werden. Die GWÖ könnte aber zugleich auch ein sehr guter Weg sein, denn sie hat einen effektiven Twist eingebaut: um selbst gut bepunktet zu werden, ist es unumgänglich, positiven Einfluss auf Andere zu nehmen. Beispiel: Lieferant:innen, die die Kriterien für faire Arbeit nicht erfüllen, kann man natürlich kündigen — oder aber auf die Misstände hinweisen und damit vielleicht eine positive Veränderung bewirken. So kann die Verbesserung des eigenen Unternehmens zur inkrementellen Verbesserung aller Unternehmen in unserem Wirtschaftssystem werden.

Un-Ziele nachhaltige Entwicklung
Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung

In der GWÖ-Bilanz haben wir nach jedem Themenfeld eigene »Verbesserungspotenziale« formuliert, die man bis zur nächsten Bilanz, zwei Jahre später, erreicht haben möchte. Hier besteht ganz konkret die Gefahr, unrealistische Ziele zu formulieren, die man nicht erreichen kann - gleichzeitig ist es natürlich wichtig, die Learnings die man im Prozess hat, auch in motivierende Ziele umzumünzen. Es ist nach unserer Erfahrung allerdings auch nicht ganz einfach, diese Ziele sofort umzusetzen, insbesondere, weil der Alltag des Unternehmens durch die Corona-Beschränkungen ohnehin komplizierter geworden ist. Wir haben für uns beschlossen, dass die Verbesserungspotenziale in unsere quartalsweisen Team-Sessions zu den allgemeinen Unternehmensziele einfließen, damit wir alle eine bessere Übersicht bekommen und alle Themen geordnet und realistisch angehen können. Stolz sind wir in jedem Fall auf die erreichte Punktzahl unserer Bilanz: aus dem Stand haben wir 573 Punkte erreichen können. Damit gelten wir als Erstbilanzierte bereits als »erfahren« und bewegen uns am unteren Drittel der »vorbildlichen« Unternehmen.


Teil einer wachsenden Bewegung von Unternehmen


Wie geht es weiter? Insgesamt planen wir, mit unserem Beispiel an die Oldenburger Öffentlichkeit zu gehen, in der Hoffnung, weitere Unternehmen motivieren zu können diesen Weg mit uns zu gehen. Dafür befindet sich eine Regionalgruppe bereits in der losen Gründung. Wer Interesse hat, melde sich gerne! Für uns selbst haben wir durch die Arbeit an der GWÖ-Bilanz festgestellt, dass wir in vielen Punkten schon gut dastehen (zum Beispiel mit unserer Entscheidung, auf Carsharing zu setzen oder durch unsere flachen Hierarchien), aber auch, dass uns Herausforderungen bevor stehen. Beispiel: wie können wir Kameratechnik kaufen, bei der wir absolut sicher sein können, dass keine negativen Umwelteinflüsse auftreten? Wie können wir positiv auf das Lohndumping in unserer Branche einwirken? Insbesondere in Zeiten von Corona, wo im Kulturbereich viele Existenzen gefährdet sind. Wir planen, bis 2022 komplett co2-neutral produzieren und außerdem keine Angebote mehr zu verschicken, bevor wir die potenziellen Kund:innen nicht persönlich kennengelernt haben (Video-Calls zählen auch, in diesen Zeiten). Zum Glück sind wir mit all diesen Herausforderungen nicht allein: Wir dürfen uns nun als als Teil einer wachsenden Bewegung von tausenden Unternehmen weltweit verstehen, die über die Gemeinwohl-Ökonomie oder andere Modelle wie Unternehmen in Verantwortungseigentum eine lebensdienliche Wirtschaft mit »Purpose« vorantreiben.

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